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Denkansatz zur dritten Ausgabe der Hochschulschriftenreihe Visuelle Kulturen – Ein Plädoyer für die Literatur

Viele Experten, die in den Medien und aus den Zentren der Wissenschaft über unsere Zeit berichten und Analysen vorlegen, machen dies unter Verwendung von Wörtern völliger Unbestimmtheit. Dazu gehören: Komplexität, Unübersichtlichkeit oder der vielzitierte Begriff vom Wandel. Diese Wörter sagen alles und nichts. Nun gibt es keine Zeitläufe oder Epochen in der Geschichte, die jemals aus dem Stadium ihrer Entwicklung heraus einfach zu beschreiben oder zu erfassen gewesen wären.

Gleichwohl sind aber einige Zitate heutiger Akteure, die den Weltlauf massiv beeinflussen, eine sehr gute Fundgrube, um unseren Zeitläufen konkret auf die Spur zu kommen. Diese Akteure, von denen hier die Rede ist, kommen nicht aus dem herkömmlichen politischen System der Parteien, Parlamente, Regierungen oder der Medien. Sie kommen aus der Netzwerkgesellschaft und den globalen Datenzentralen. Zitatbeispiel eins: „Wenn wir es richtig angehen, können wir alle Probleme der Menschheit lösen.“ Diese These stammt von Eric Schmidt, Executive Chairman von Google 2011-2015, heute bei Alphabet Inc. Zitatbeispiel zwei: „Es gibt eine Menge Dinge, die wir nicht tun können, weil sie illegal sind. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir neue Dinge ausprobieren und herausfinden könnten, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben.“ Dieser Ansatz stammt von Larry Page, dem Google Mitbegründer.

Das Leben in Extremen

Was wir über unsere Zeit durch die hier gewählten Zitate erfahren, lässt sich so zusammenfassen: Die Grenzen des menschlichen Zusammenlebens auf der Erde werden neu verhandelt und die vor allem kommunikativen Bedingungen des Lebens dabei völlig neu sortiert und ausgelotet. Ein weiteres Zitat: „Es ist sowieso egal, was die Menschen machen, denn sie werden bald zurückgelassen werden, wie die erste Stufe einer Rakete“ (Hans Moravec, Carnegie Mellon University, Pittsburgh, USA - siehe auch: Mind Children. Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz).
Die gerade entstehenden, milliardenschweren Geschäftsmodelle sind deshalb ausschließlich in Grenzgebieten und Grenzerfahrungen zwischen Legalität und Illegalität, bestehender Ordnung und Anarchie zu finden. Sie sprengen Menschengrenzen. Zu diesen neuen Ideen und Geschäftsmodellen, die unmittelbarer Ausdruck unserer geistigen Situation sind, gehören die Künstliche Intelligenz, die Robotik, die autonomen Maschinen wie selbstfahrende Autos oder Drohnen. Auch die Genveränderungen durch Bioingenieure und Mediziner mit ihren Forschungen über effektivere Körper und neuen, intelligenten Denk-Anordnungen. Und auch das große Thema Virtual Reality zahlt auf die Grenzverschiebungen ein. Darüber handelt nun der dritte Band der Hochschulschriftenreihe ‚Visuelle Kulturen’. Was passiert da gerade um uns herum und was steht uns bevor? „Das Wesen des Menschen steht zur Debatte“, sagte Ulla Berkéwicz in ihrem Buch ‚Vielleicht werden wir ja verrückt’ (2009): „…die Entzauberung der Welt ist gelungen“. Diese Feststellung, die aus der Analyse vergleichender Fanatismusbewegungen entnommen ist, trifft auch auf die Zusammenhänge eines Beitrages zu, in dem es um Grenzüberschreitungen und Manipulationskräfte durch neue Technologien geht.

Die Manipulation des Denkens

Neue elektronische und technologische Entwicklungen wie Virtual Reality tauchen bruchlos in die Realität ein und führen zu Grenzerfahrungen, in denen, neben sicherlich vielen dienen Aspekten wie der Anwendung von Vorstellungen und Erkenntnissen in Ausbildung und Training oder bei Heilungsprozessen, die eingesetzte Manipulation aber auch das eigene Denken zurückdrängt und damit unter anderem die Autonomie des Subjekts. Es geht bei diesem Gedankengang um die Feststellung, was geschieht, wenn die Technik die Steuerung der Informationsvermittlung übernimmt oder ein Korrektiv fehlt. Der erzeugte Schockmoment des In-das-Geschehen-Geworfensein gleicht einer pseudorealistischen Erzählform. Unmittelbarkeit und uneingeschränkte Teilhabe, ausgelöst durch die Sehnsucht nach Echtzeit und Live-Übertragung des unmittelbaren Erlebnisses, heben jedwede Distanz zwischen Wirklichkeit, Abbild und Wahrnehmung auf und suggerieren eine Wirklichkeitsnähe, die nicht hinterfragt wird. Echtzeit ist ein Panikrausch. Virtual Reality nutzt diesen Rausch und verbindet ihn spielerisch, manipulativ und kühn mit der technologischen Machbarkeit. Wenn Menschen offensichtlich immer weniger zwischen der Unterhaltung und der Information unterscheiden können und sollen, dem realen Geschehen entfernt werden, dann wird der Moment des Denkens und Reflektierens um so notwendiger, um Wissen oder Weisheit zu finden. Zumindest wenn der Mensch seine Selbstbestimmung und damit auch seine Mündigkeit ernst nimmt – und damit sein geistiges Vermächtnis der Aufklärung. Dieser Moment wird nachfolgend als ein Zwischenraum beschrieben, und dieser Zwischenraum meint die Literatur der Erzählung, die Literarische Narration und geschichtliche Überlieferung.

Die Selbstbestimmung des Denkens

Literatur macht Realität sichtbar und lotet dabei immer den Bestimmungsort der Autonomie des Einzelnen aus. Literatur steht niemals im Auftrag der Macht, sondern immer im Auftrag des Menschen und seiner Individualität. Dieser Bestimmungsort der ‚erzählenden Literatur’ ist ein Sprach- und Reflexionsraum gleichermaßen, in dem Bedeutungen mit dem Bedeuteten zusammenfallen. Literatur überprüft also immer auch die Realitäten. Das ist oft anstrengend. Oft mühsam. Die Leser von Romanen, Novellen, Erzählungen, Dramen und Gedichten sind, ob sie es wissen oder nicht, Empfänger einer umfassenden Distanz, die zwischen Wirklichkeit, Abbild und Wahrnehmung geschoben wird. Das ist nun in der Tat das radikale Gegenteil davon, was uns heute in der vernetzten Kommunikation begegnet. Der in Basel lebende Autor Martin R. Dean hat kürzlich in einem Beitrag darauf aufmerksam gemacht und dabei den Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899-1986) zitiert. Denn Borges hat in seinem kurzen und prägnanten Text ‚Von der Strenge der Wissenschaft’ etwas sehr Aufschlussreiches über ein Leben in völliger Unmittelbarkeit beschrieben, auch wenn er zu Lebzeiten überhaupt keine Ahnung von den technischen Entwicklungen wie Virtual Reality haben konnte. Borges geht vielmehr und ausschließlich in jenem Text auf die Kunst der Kartographie ein. Die begabten Kartographen eines Landes haben in seiner literarischen Miniatur eine ganze geografische Provinz in den realen Grenzen abgebildet. Die exakt vermessene Größe des Landes auf einer Karte deckt sich in Borges Geschichte in jedem Detail mit dem Abbild in der Realität. Eine gigantisch große Karte ist also entstanden. Jeder Zentimeter darauf wird für alle Leser wahrnehmbar und sichtbar, nichts mehr ist verborgen, das Sichtbare ist das offensichtlich einzig Wahre, jeder Raum ist maßstabgetreu transparent und zugänglich. Aber - und das ist die eigentliche Botschaft von Borges Geschichte: Der Raum wird in seiner sozialen Bedeutung gar nicht verstanden. Er ist vielmehr ein totalitärer Zustand der Echtzeit, sinnentleert, ohne kulturelle Bedeutung, den Einzelinteressen wahllos ausgesetzt, wahllos interpretierbar, am Ende gar nicht erfassbar, nicht verständlich. Im distanzlosen Leben ohne Autonomie ist der Mensch überfordert und deshalb auch angreifbar, manipulierbar. Er kann nichts zuordnen, denn er versteht nicht. Es fehlt jener Zwischenraum, der ein Denkort ist, und den gerade die Literarische Narration in ihrer Eigenart der Distanz herstellt. Erst durch die Distanz des Denkens und Einordnens, erst durch das subjektiv-autonome Erkennen, entsteht soziale Bedeutung. Etwa durch Werte, durch Moral, durch das Menschliche wie Liebe oder Gerechtigkeit. Fehlt das radikale Eigenverständnis, wird nur sinnentleert wahrgenommen. In der Literarischen Narration werden Bedeutungen verhandelt, übersetzt, erklärt. Hier werden Bedeutungen nicht umcodiert, etwa im Sinne der Manipulation, der Kapitalisierung unserer Freiheitsideale oder im Sinne des Umdeutens unserer humanistischen Werte auf das neoliberale System des Geschäftemachens. In der Literarischen Narration steht der Mensch im Mittelpunkt. Weil er verstehen will. Und hier liegt der Unterschied zum technologischen Spiel der Algorithmen und der Künstlichen Intelligenz. Die Literarische Narration ist der Gegenpart zur virtuellen Realität. Das hat Borges schon früh erkannt. Die Welt ist nicht das, was manipulierbar ist.


München, Juli 2017

(Vorwort zur dritten Ausgabe Visuelle Kulturen / Virtual Reality, Herausgeber: Ekkehart Baumgartner)

To Perceive

Theoretical Approach for the Third Edition of the Visual Cultures University Publication Series – A Plea for Literature

Experts who sit in centers of knowledge, issuing statements about our times and presenting analyses in the media, will often use language that is incredibly vague. This includes words such as ‘complexity’, ‘non-transparency’, or the oft-cited language of ‘change’. These words say everything and nothing at once. True, there are no eras or passages of time in the past that would be easy to describe or record from the point of their developmental stages.
Nevertheless, there are some quotations by contemporary, highly influential figures that present a treasure trove of truths about our times. These figures are not members of a traditional political system or from political parties, parliaments, governments or the media. They are part of the network society and global data centers. First illustrative quotation (german reference): „Wenn wir es richtig angehen, können wir alle Probleme der Menschheit lösen.“ (“If we approach them correctly, we can solve all of humanity’s problems”). This statement comes from Eric Schmidt, Chairman of Google from 2011-2015, who is now with Alphabet Inc. Second illustrative (german reference): „Es gibt eine Menge Dinge, die wir nicht tun können, weil sie illegal sind. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir neue Dinge ausprobieren und herausfinden könnten, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben.“ (“There are a number of things that we cannot do because they’re illegal. We should have a few places where we can try out new things and determine their effects on society”). These are the words of Larry Page, Google Co-founder.

Life in an age of extremes

We might summarize our findings from the selected quotations as follows: The limitations of human cohabitation on earth are being negotiated anew, and, in the process, our methods of communication are being completely re-structured and re-conceived. Another quotation (german reference): „Es ist sowieso egal, was die Menschen machen, denn sie werden bald zurückgelassen werden, wie die erste Stufe einer Rakete“ (“It doesn’t matter what people do because they’ll soon be left behind, like the launch pad of a rocket” - Hans Moravec, Carnegie Mellon University, Pittsburgh, USA - see also: Mind Children. The Future of Robot and Human Intelligence.)

This is why the newly emerging, billion-dollar business models are only to be found in gray areas and border zones that lie between legality and illegality, existing order and anarchy. They exceed the limitations of humanity. These new ideas and business models represent the direct expression of our intellectual situation, and include artificial intelligence, robotics, and autonomous machines like self-driving cars or drones. They are genetic modifications carried out by biological engineers, as well as research on more effective bodies and new intelligent thought configurations. The major subject of virtual reality also contributes to the shifting of boundaries. This is the topic of the third volume of the Visual Cultures series. What is happening around us at the moment, and what took place before? “The essence of humanity is up for debate,”’ wrote Ulla Berkéwicz in her book Maybe We’ll All Go Mad (2009). “The demystification of the world has been successful”. She took this statement from an analysis of comparable fanaticism movements, and it is a sentiment that is also reflected in one of the volume’s articles that examines the surpassing of limitations and the power of manipulation through new technologies.

The manipulation of thought

New electronic and technological developments such as virtual reality are seamlessly incorporated into reality and result in experiential extremes in which manipulation takes place not only to stimulate ideas and outcomes in education and training or in therapeutic procedures, but also to repress the capacity to think, and therewith the autonomy of the subject. With this line of thinking, it is necessary to determine what happens if the technologies take over the control of information transfer, or if a corrective is missing. The shock moment that arises from ‘being thrown into the midst of it’ is the same as a pseudo-realistic narrative form. Immediacy and unlimited participation, triggered by the desire for real-time and live broadcast of immediate experience, break down any distance between reality, image and perception, and evoke a proximity to reality that is left unquestioned. Real time induces a state of exhilarated panic. Virtual reality exploits this exhilaration and links it, by means of a manipulative and daring game, to technological feasibility. If people can – and are expected to – distinguish increasingly less between entertainment and information, and become removed from real life, then a moment of thought and reflection is all the more important for accessing knowledge or wisdom. That is, if humankind takes its autonomy and its legacy of the enlightenment seriously. In the future, this moment will be described as a space or an interval, whereby this space is the literature of narrative, literary narration and historical lore.